Quo vadis 2016

2016

Das Jahr 2016 gab einiges auf- und ab. Eine kunterbunte Achterbahnfahrt. Eigentlich hatte ich gegen Ende 2015 für mich und die Menschen um mich herum beschlossen das 2016 ein tolles Jahr wird. Ich wusste nicht recht wo die Reise hingehen soll (siehe auch), aber frei nach dem Motto ich werde alles dafür tun. Nun, das habe ich. Was hatte ich nicht alles vor. Die meinen glücklich machen. Dinge unternehmen. Urlaube und Kurzurlaube, Wellness, Konzerte, Veranstaltungen, Tages- und Wochenendtrips. Ich wollte mich um die meinen kümmern, und habe es auch echt versucht. Hat es geklappt? Ratet mal …

Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt. Du handelst in den besten Absichten und trotzdem explodiert alles. Kann passieren, sowas kommt vor. Du kümmerst Dich wie bekloppt und stellst fest das wollen die gar nicht. Du drehst Dich um und gehst, dann wollen sie es doch. Kann passieren, sowas kommt vor. Die einen wollen Dich die anderen nicht und dann ist es plötzlich alles umgekehrt. Live sucks? Mitnichten.

Eine Sache habe ich immer über das Universum gewusst und schon oft gesagt: es mag kein Ungleichgewicht. Jeder Zustand im Universum wird bestimmt durch ein Gleichgewicht der Kräfte. Atmosphäre gibt es nur bei genügend Anziehungskraft, stabile Objekte nur wenn die Anziehungskraft dem Vakuum widersteht, stabile Umlaufbahnen nur bei einem Gleichgewicht aus Anziehungskraft und Fliehkraft. Wenn mal kein Gleichgewicht da ist wird das korrigiert. Der Luftballon hält nur wenn der Knoten zu ist. Ist der Knoten auf ist die Luft ganz schnell wieder raus. Wer ein Vakuum in der Atmosphäre erzeugen will braucht einen stabilen Behälter. Sonst zischt die Atmosphäre da ruck zuck rein (oder macht den Behälter einfach platt). Druck und Gegendruck, egal wie, alles führt früher oder später zu einem Gleichgewicht der Kräfte.

Allerdings dauert das manchmal. So ein Planet kann seine Bahnen schon mal ein paar Jahre ziehen. Und eine winzig kleine Abweichung kann seine Auswirkungen erst in Millionen Jahren zeigen. Wusstet Ihr das unser Mond ganz langsam von der Erde weg driftet? Er entfernt sich, Stück für Stück, um 3,8cm im Jahr. Der Mond bremst nämlich die Rotation der Erde (und löst die Gezeiten aus). Dadurch verlängern sich die Tage auf der Erde um eine Sekunde alle 100.000 Jahre (20 Mikrosekunden pro Tag). Dadurch verlängert sich aber auch die Umlaufbahn des Mondes. Irgendwann wird die Erde dem Mond immer die gleiche Seite zuwenden, so wie der Mond das heute bereits tut. Das wird alles verändern. Wetter, Gravitation, Stabilität der Rotation der Erde, alles.

Wer will unter solchen Bedingungen schon Pläne schmieden? Wir können nicht jedes Teilchen im Universum beobachten, und demzufolge auch nicht wissen was kommt. Sich blind auf das Gelingen von Plänen zu verlassen ist nichts weiter als Illusion.

Warum das „Ist“ mehr Wert ist als das „Soll“

Geschäftsleute betrachten nur Gewinn-Abweichungen, Projektmenschen betrachten Plan-Abweichungen und Karriere-Menschen machen es noch schlimmer, sie glauben das man sich große Ziele setzen muss, haben ganz wilde persönliche Pläne und suchen nun nach den Gründen warum es nicht geklappt hat. Ihnen zur Seite steht ein toller erfahrener Coach der ihnen erklärt das sie nicht genug Einsatz gezeigt haben, nicht überzeugt genug waren, nicht an die Ziele und ihre Fähigkeiten glaubten, den Plan nicht präzise genug ausgearbeitet haben, keine Zwischenziele gesetzt haben, egal wie, auf jeden Fall haben sie es verbockt und müssen sich mehr ran halten und es endlich mal begreifen. Sagen die Coaches. Komisch das die dafür auch noch bezahlt werden.

Allen gemein ist, das sie nur die Abweichung von „Soll“ zu „Ist“ betrachten, und dabei vergessen das „Soll“ nur eine Vorstellung war die sie sich selber geschaffen haben. Eine Erfindung, ein Traum, ein Stern am Horizont der nicht mehr ist als eine Fata Morgana. Und sie ignorieren dabei vollkommen die Chance die Schönheit des „Ist“ mal wirklich zu betrachten. Ist es denn nicht schön? Und wenn nicht, warum nicht? Ist das nicht viel wichtiger? Scheiß auf ein imaginäres „Soll“. Dein „Ist“ ist das was ist, kümmere Dich lieber darum.

Wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, wäre auch nicht mit dem zufrieden, was er haben möchte.
von Berthold Auerbach

Friktionen

Ich sage nicht das es schlecht ist Ziele zu haben. Jeder muss wissen wo hin er möchte. Aber man darf sich nicht daran bewerten ob man es geschafft hat irgend ein Ziel zu erreichen. Das Leben ist kein Planspiel. Du kannst Pläne schmieden so viel Du willst, es wird anders kommen. Das wusste Clausewitz schon vor über 200 Jahren, und war damit schlauer als alle Manager von heute. Er hatte sogar ein Wort dafür: „Friktionen“. Friktion stammt eigentlich aus dem lateinischen und bedeutet so viel wie „Reibung“ (frictio). Die Physik kennt den Begriff auch als solchen. Carl von Clausewitz hat ihm eine etwas andere Bedeutung gegeben, bei ihm sind es die viele kleinen unvorhersehbaren Kleinigkeiten die sich aufsummieren und einem am Ende einen Strich durch die Rechnung machen.

Ich finde die Wahl nicht schlecht. Friktion ist für mich die Reibung zwischen der Vorstellung und dem Kontakt mit der Realität. Dabei entsteht ein Reibungsverlust der die Vorstellung (das „Soll“) irgendwann in Einklang mit der Realität bringt (das „Ist“). Und da wird so lange gerieben bis es passt (das Gleichgewicht der Kräfte). Die Friktion wird damit für mich auch zu einem Brückenschlag zur „Fiktion“. Das „Soll“ ist Fiktion, die Realität das „Ist“. Die Friktion kümmert sich um die Differenz. Das was abgerieben werden muss damit der Plan in die Welt passt. Scheint das nicht logisch, wenn nicht sogar natürlich?

Warum kennt das heute niemand? Warum wird es nicht in der Schule unterrichtet das es normal ist mit einem Plan zu scheitern? Was gehört mehr zum Leben als das? Wir probieren und wir scheitern. Wir müssen trotzdem probieren. Entscheidung->Versuch->Fehlschlag. So what? Shit happens, next try. Entweder das oder wir bleiben das ganze Leben sitzen und überlegen wie wir uns besser nicht entscheiden weil ja was schief gehen könnte. Läuft nicht. Der von den Schulen eingetrichterte Gedanke das jeder Plan klappen muss ist schon die erste Friktion, der erste Abrieb den die jungen Menschen erst mal erleben müssen.

Witzigerweise kennt die Wirtschaft den Begriff der Friktion durchaus. Redet nur keiner drüber. Passt wohl nicht ins Marketing. Will halt keiner hören das man Gewinne machen könnte, aber wer weiß schon was kommt. Wollen alle hören „Wir machen Gewinn!“. Glauben halt lieber an den Weihnachtsmann als an die Wahrheit, das lernen wir immerhin schon früh, ist wie in den Märchen. Das können wir.

Der Nachteil ist natürlich das wir uns damit unter Druck setzen unseren eigenen Märchen hinterher auch gerecht zu werden. Wir müssen unsere Erfindung erfüllen, irgendwie. Klingt paradox? Ist es auch. Dazu gibt es auch eine Reihe von Märchen, aber wenn die Abends am Kinderbett vorgelesen wurden haben bei der Moral der Geschichte vermutlich schon alle geschlafen. Wie auch immer, es geht auch einfacher. Ohne Pläne, ohne Friktionen.

Richtung statt Ziel

Setzt Euch kein Ziel, setzt Euch lieber eine Richtung. Ein besserer Mensch werden klingt wie ein schönes Ziel, aber wo ist die Ziellinie? Es gibt keine! Es ist kein Ziel, es ist eine Richtung. Damit wisst ihr wo hin ihr wollt, aber könnt nicht an hoch-gesteckten Zielen scheitern. Am Ende könnt ihr nur prüfen ob ihr auf dem Pfad gewandelt seid dem ihr folgen wolltet. Und jeder einzelne Schritt auf diesem Weg ist ein Fortschritt. Scheiß auf die Ziellinie. Wie wir im Sport immer sagen: wenn Du nur einen Schritt machst hast Du schon alle hinter Dir gelassen die sitzen bleiben. Und genau so ist es. Du musst keine 10 Km in einer Stunde laufen. Geh raus und ein mal um den Block, und schon bist Du allen anderen um einen Block voraus. Fühlt sich gut an? Dann geh morgen noch einen Block. Wird sich wieder gut anfühlen!

Der Vergleich geht auch einfacher, ohne externe Bezüge, rein intrinsisch. Magst Du den Menschen der Du bist? Als Mensch, als Person, als Charakter? Würdest Du Dich mögen wenn Du Dir selber begegnest? Würdest Du Dir so in Erinnerung bleiben wie Du in Erinnerung bleiben möchtest? Würdest Du Dir wünschen das mehr Menschen Deine Werte teilen? Wenn ja, ist alles gut. Wenn nicht, arbeite daran.

Und wenn Du unbedingt etwas vergleichen willst, ich mache das so: wo war ich zum Jahreswechsel 2015/2016, und wo bin ich jetzt? Ein besserer Mensch? Habe ich mir sinnvollere Aufgaben gesucht? Verbringe ich meine Zeit mit den richtigen Dingen? Kümmere ich mich um die meinen? Ehre ich meine Familie? Verteidige ich meinen Glauben?

Ja, ich denke ich kümmere mich um die meinen. Ich tue beinahe nichts anderes. Ich denke auch das ich sie damit ehre, schon weil ich beinahe nichts anderes tue. Es gibt kein größeres Geschenk als gewidmete Zeit. Und ja, ich trete für die Dinge ein an die ich glaube. Ich habe das schon immer getan, mal mehr mal weniger laut. Ich habe dafür auch oft Schläge kassiert. Aber ich wusste wofür! In diesem Jahr? Mein kümmern hat sich in seinem Umfang fast nicht verändert, nur der Personenkreis ist ein vollkommen anderer. Er ist kleiner, aber feiner.

Einige Aufgaben und Themen sind entfallen, Dinge bei denen andere sagen würden das sie gut für die Karriere sind. Aber ich habe festgestellt das sie nicht gut für mich sind. Es ist nicht das woran ich glaube und ich habe dort mit Menschen zu tun die nicht an die Dinge glauben an die ich glaube. Die wollen nur für kluge Reden geehrt werden, nichts produzieren und keinen Mehrwert bieten (sie sagen natürlich sie bieten einen Mehrwert, das gehört zur klugen Rede). Diese Leute sind aus meinem Kreis geflogen, und ihre Themen mit ihnen. Das Leben ist zu kurz für so etwas.

Und so hat sich auch das Studium, von dem ich letztes Jahr an dieser Stelle noch sprach (mein 3-Stufen-Plan) erst mal erledigt. Es liegt auf Eis. Es gibt wichtigeres, und das „Ist“ zählt mehr als das „Soll“. Das Studium war ein Soll-Plan. Natürlich wäre der Abschluss gut in meinem Lebenslauf und würde Türen öffnen, aber bringt es mich als Mensch weiter? Nein. Tut es nicht. Ganz im Gegenteil, es warf mich zurück. Dazugelernt habe ich fachlich nichts (Diplom habe ich schon und was neues kam da nun auch nicht) und menschlich eher negative Erfahrungen. Die kann ich auch an anderer Stelle sammeln, davon gibt es genug ohne das ich meine Freizeit dafür opfern muss. Und Schlaf ist auch wichtig. Also weg damit.

Dafür hat sich mein Kreis auch wieder erweitert. Mit anderen Menschen. Um die kann ich mich kümmern und das hat ein vielfaches mehr an Wert. Es ist nicht einfach, aber was ist das schon. Und wenn es einfach wäre, wäre es nicht bei mir gelandet. Oder anders gesagt: dann hätte das Universum nicht ausgerechnet mich zu ihnen geschickt. Viele meiner Erlebnisse, Lektionen und Lehren scheinen einfach perfekt in meine jetzt neue Situation zu passen. Als hätte man mich mein ganzes Leben auf diese Situation vorbereitet. Und aus meiner jetzigen Situation lerne ich viel neues, menschliches. Ich kann geben und lernen. Gleichgewicht der Kräfte.

Achtsamkeit

Was ich aus 2016 gelernt habe? Das Pläne nicht funktionieren ist nicht neu, aber das Achtsamkeit die einfachste und zugleich schwierigste Sache der Welt ist. Wie leicht rennen wir doch los. Da ist ein Berg an Aufgaben und wir hetzen los und versuchen alles irgendwie zu regeln. Weil wir denken wir müssen. Dabei vergessen wir uns. Die Achtsamkeit versickert im Alltag und dem stetigen Versuch die ToDo-Liste zu bewältigen. Und das wo es doch eigentlich so einfach ist. Man kann überall achtsam sein. Du gehst irgendwo entlang? Gut, geh jeden Schritt bewusst. Atme bewusst, schreite bewusst, denke bewusst. Achte auf Deine Gedanken! Lass Dich nicht von ihnen in die Irre führen. Ab und zu nimm Dir die Zeit und lasse den Gedanken freien Lauf. Einfach mal gemütlich irgendwo hinlegen und die Gedanken fliegen lassen. Und dann wieder aufstehen und bewusst gehen.

Atme bewusst, gehe bewusst, denke bewusst, mache Deinen Sport bewusst. Gerade der Kraftsport kann eine schöne Quelle für Achtsamkeit sein. Führe jede einzelne Bewegung bewusst aus! Manche machen meditatives Bogenschießen, aber das geht auch bei Liegestützen, Klimmzügen, Kniebeugen oder mit einer einfachen Hantel.

Die Größte Gefahr für Achtsamkeit ist die Ungeduld. Das scheint mein ewiges Leiden zu sein. Ich will Dinge erledigen, und verzweifle wenn man mich bei Erklärungen nicht versteht oder etwas einfach nicht voran geht. Aber man kann nichts erzwingen. Manches braucht seine Zeit. Menschen brauchen ihre Zeit. Du kannst Erkenntnisse nicht einflößen, und jahrelange Gewohnheiten ändert man nicht über Nacht. Das gilt für mich und meine Ungeduld genau so wie für viele andere Dinge. Man kann nur stetig daran arbeiten. Richtung statt Ziel. Langsam seine Bahnen ziehen bis sich das Gleichgewicht der Kräfte einstellt.

2017

Ob ich aus 2016 etwas gelernt habe? Ganz sicher. Ob ich es 2017 umsetzen kann? Keine Ahnung. Das Pläne nicht funktionieren bedeutet nicht das man keine mehr schmieden soll. Aber als Richtung, nicht als Ziel. Ja, ich will nach wie vor mehr mit den meinen Unternehmen. Aber nicht geplant. Der Augenblick und die Gelegenheit wird es bringen. Und wenn nicht? Dann habe ich eben einen Plan für 2018. 😉

Statt der Pläne mache ich lieber eine Liste mit Möglichkeiten. Eine „wir könnten dies und das tun“-Liste, keine „wir wollen dies und das tun“-Liste. Und dann haben wir immer einen Pool von Möglichkeiten wenn wir mal Zeit haben. Die Gelegenheit wird es bringen. Vorausgesetzt wir bleiben achtsam und verschaffen uns freie Zeit, weil wir eben keine Pläne schmieden und große Ziele verfolgen. Leben in der Lage.

Wir werden sehen, ich lasse mich geduldig überraschen …

Zumindest versuche ich es 😉

 

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https://editionf.com/Karriere-Weg-Fehler

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Mond

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Clausewitz

https://de.wikipedia.org/wiki/Friktion_%28Krieg%29

https://de.wikipedia.org/wiki/Friktion_%28Wirtschaft%29

 

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