Oder warum wir uns eigentlich immer so schlecht machen.

Tatsächlich ist Deutschland gar nicht so schlecht. Glaubt Ihr nicht? Nun, wir sind zum Beispiel die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Platz 1 geht an die USA, Platz 2 an China, Platz 3 an Deutschland. Nach uns kommt Japan, Indien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Brasilien, Kanada. Und dann kommt Russland, auf Platz 11, mit weniger als der Hälfte des deutschen BIP. Wir sind also auch mit Abstand die stärkste Volkswirtschaft in Europa.
Bei all den Nachrichten um die furchtbare Lage in der deutschen Wirtschaft wundert man sich auch das der DAX aktuell einen Rekord nach dem anderen erklimmt. Natürlich verdienen die Firmen die im DAX notiert sind nicht ihr ganzes Geld in Deutschland. Internationaler Handel lässt grüßen. Das ändert aber nichts daran das es sich um Unternehmen unseres Landes handelt, die anscheinend ein ordentliches Wachstum hinlegen.
Unsere Handelsbilanz in Deutschland ist entsprechend. Bei dem Export liegt Deutschland ebenfalls auf Platz 3. Hier geht der erste Platz an China und der zweite an die USA. Der Import steht genau anders herum, USA auf Platz eins, China auf Platz zwei, Deutschland wieder auf Platz drei. Bei diesen Verhältnissen wundert es nicht das China den größten Überschuss in der Handelsbilanz hat, während die USA das größte Defizit hat (ein wirklich großes Defizit). Das erklärt vielleicht auch die ein oder andere Reaktion eines Donald Trump. Bei dem Handelsbilanzüberschuss steht Deutschland übrigens auf Platz zwei. Weltweit.
All das haben wir geschafft obwohl wir nicht das bevölkerungsreichste Land der Welt sind (nur Platz 19), nicht das größte Land der Welt (nur Platz 62), und auch nicht die meisten Staatsschulden haben (nur Platz 71), und so richtig viele Bodenschätze haben wir ja nun auch nicht.
Wenn wir im Vergleich zu anderen Ländern so gut dastehen, warum sagen dann alle das wir demontiert werden? Nun, eines ist richtig, wir haben ein paar etwas schwierigere Jahre hinter uns. Eine weltweite Pandemie hat die Anfälligkeit von weltweiten Lieferketten offen gelegt und Einbußen mit sich gebracht. Die daraus gewonnen Erkenntnisse erfordern Anpassungen für die Zukunft (Verlagerung der Produktion). Die veränderte Sicherheitslage und der daraus folgende Ausfall unserer bisher sehr günstigen Bezugsquellen für Gas brachten ebenfalls Einbußen mit sich (Standort wird teurer). Auch das erfordert Anpassungen für die Zukunft.
Dann wäre da noch das Thema demografischer Wandel und daraus resultierender Wegfall von Fachkräften, ökologischer Wandel und daraus resultierende Mehrkosten und Risiken ebenso wie Migration die teilweise durch ökologischen Wandel weiter getrieben und von politischen Verhältnissen ausgenutzt werden. All das stellt uns als Land vor eine Reihe von Herausforderungen die wir nur durch Anpassung bewältigen können.
Um fair zu bleiben muss man ja auch zugeben das wir relativ lange von einer stabilen Situation profitieren konnten und keine großen Anpassungen vornehmen mussten. Das Kohle, Öl und Gas keine endlos verfügbaren Energie-Optionen sind wissen wir schon immer. Das wir für Atomenergie nach wir vor nicht wissen wo wir den Abfall lagern ist auch bekannt. Das der Staat / Steuerzahler alle Risiken und Entsorgungskosten für den Atomstrom übernehmen muss weil selbiger sonst nie tragbar / rentabel gewesen wäre wissen schon viel weniger. Kaum ein Unternehmen hätte Rücklagen für Millionen Jahre Endlager-Pflege bilden wollen. Keine Versicherung würde ein Atomkraftwerk versichern wollen.
Schlussendlich wussten wir also (mehr oder weniger) das wir eine Reihe technischer Schulden anhäufen. Wir haben nicht wirklich die Forschung zur Kernfusion voran getrieben oder die Speicherlösungen aufgebaut um die Schwankungen in erneuerbaren Energien zu puffern. Mit einer der beiden Varianten wären wir energetisch recht unabhängig geworden und hätten keine Probleme mit dem Wegfall des günstigen Gases gehabt. Das hätte einen enormen Faktor der aktuellen Probleme aus dem Spiel genommen, auch politisch.
Haben wir aber nicht, und nun müssen wir schnell eine Lösung finden. Und wie das immer so ist wenn man eine Aufgabe lange vor sich her schiebt und sie dann schnell erledigen muss: es ist viel anstrengender und tut viel mehr weh als wenn man es rechtzeitig getan hätte.
In dem Zusammenhang kann man auch verstehen das wir gerade die Grundlagen unserer Wirtschaft umbauen müssen. Und wenn man das versteht kann man verstehen das eine Wirtschaft, die sich gerade in kurzer Zeit grundlegend Transformieren muss, auch nicht unbedingt das größte Wachstum hinlegen kann. Wir bauen gerade nicht auf, sondern um. Das muss nun mal sein, sonst bestehen wir in der Zukunft nicht mehr so gut wie bisher.
Schrumpfen wir deswegen? Nein, das finde ich nicht. Ja, das BIP ist um 0,3 Prozent gesunken. Aber ganz ehrlich? 0,3 Prozent bei dem großen Umbau den wir vor uns haben? Nachdem wir viele Jahre nicht investiert haben und von der tollen Lage gelebt haben? Ich würde da nicht von Deindustrialisierung sprechen. Wir transformieren und brauchen dafür eine Atempause vom Wachstum. Und ich finde in dem Rahmen sind 0,3 Prozent echt wenig. Ich würde empfehlen sich geschichtliche Beispiele anderer Länder anzusehen die einen großen Wandel ihrer Wirtschaft vollziehen mussten. Da gab es deutlich mehr Reibungsverluste als einen Dämpfer im Wachstum.
Ich rechne mit sehr positiven Ergebnissen am Ende des Tunnels.
In der Stahlproduktion zum Beispiel hat man festgestellt das die grundlegenden Methoden sich eigentlich in den letzten 100 Jahren kaum verändert haben. Jetzt entdeckt man neue Möglichkeiten. Die nächsten Stahlwerke werden eher einem Labor gleichen als einer großen Schmiede (Stichwort Direktreduktionsanlage). Das könnte aus einem jetzigen Nachteil unseren nächsten großen Vorteil machen.
Mit den erneuerbaren Energien haben wir, wie der Name schon sagt, eine praktisch endlose Quelle von Energie. Bisher hatten wir immer die Abhängigkeit der Belieferung. Sobald jemand einen Krieg anzettelt oder die Förderung reduziert gingen bei uns die Preise rauf. Ganz zu schweigen davon das sie mit abnehmendem (weil endlichen) Rohstoff nur teurer werden konnten. Ein Nullsummenspiel, irgendwann ist Schluss. Das ändert sich. Je mehr erneuerbare mit endlosem Rohstoff, desto günstiger kann der Strom werden. Plötzlich wird das Angebot unendlich, man muss es nur fördern.
Erinnert Ihr Euch noch an die Zeiten als man auf den mobilen Geräten für knappe Bandbreite bezahlen musste? Internet mit Datenvolumen? Wer spricht heute noch davon? Mit zunehmender Verfügbarkeit verfällt der Preis, bis sich eine Abrechnung gar nicht mehr lohnt. Irgendwann zahlt man nur noch für den Anschluss, der Verbrauch kommt als Flatrate. Was wäre wenn wir so viel endlosen Stromrohstoff anzapfen können das wir einen ähnlichen Effekt erleben? Was passiert dann mit unserer Energie-intensiven Wirtschaft?
Unter diesem Blickwinkel würde ich die aktuelle Lage als handlungsbedürftig bezeichnen, aber nicht als Krise (siehe auch). Aussitzen ist nicht mehr, das ist klar. Wir müssen handeln und uns wandeln, und nachher wird es besser sein als vorher.
wikipedia.org: Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt
wikipedia.org: Liste der Länder und Territorien nach Einwohnerzahl
wikipedia.org: Liste der Länder und Territorien nach Fläche
wikipedia.org: Liste der Länder nach Staatsschuldenquote
statista.com: Handelsbilanzüberschuss
statista.com: Handelsbilanzdefizit
telepolis.de: Warum deutsche Stromkonzerne nicht zur Atomkraft zurückwollen
heise.de: Kernfusions-Kraftwerk bis 2045 machbar
t3n.de: Wachstum trotz Krise: IT-Branche entzieht sich dem Arbeitgebermarkt