Vier Jahre und zwei Monate seit Beginn des offenen Ukraine-Kriegs, zwei Jahre und zwei Monate seit ich darüber geschrieben habe, zwei Monate seit Beginn des Iran-Kriegs. Wo besteht der Zusammenhang? In der Erkenntnis die wir daraus gewinnen können.

Wie wir bereits bei der letzten Befassung mit dem Thema erkennen konnten gab es eine ganz wesentliche Entwicklung im Ukraine-Krieg. Die massiv zunehmende Überwachung der umkämpften Gebiete führte dazu das beide Seiten nicht mehr in der Lage waren eigene Verbände für geplante Manöver zu sammeln. Jede Ansammlung von Truppen und/oder Material führte sofort zu Beschuss durch den Gegner. Was seinerzeit beim Waffeneinsatz noch stark durch Artillerie unterstützt wurde, war in der Aufklärung bereits ebenso stark durch Drohnen abgebildet (siehe auch).
Was hat sich geändert?
Das Drohnen nicht nur für Aufklärung und Überwachung genutzt werden wissen wir lange. Insbesondere die sogenannten „Predator“-Drohnen der USA sind durch Film und Fernsehen hinlänglich in den Medien bekannt. Tatsächlich gibt es aber eine ganze Reihe von Drohnen und Robotern die, bewaffnet oder unbewaffnet, auf einem Schlachtfeld zum Einsatz kommen. Sowohl für die Aufklärung als auch Beschuss des Gegners oder, im einmaligen Einsatz, die sogenannten Kamikaze-Drohnen.
Insbesondere bei letzteren handelte es sich im Ukraine-Krieg eine Zeit lang auch um improvisierte Eigenbauten der Ukrainischen Streitkräfte. Dadurch konnten mit kostengünstigen Mitteln hochwertige Kriegsgeräte des Gegners zerstört werden. Nicht zu vergessen, die Eigenbauten konnten überall zusammengebaut werden. Es gab keine zentralen Produktionsstätten mehr die der Gegner angreifen konnte.
Das führte zu merkwürdigen Entwicklungen. So waren plötzlich Personen für den Kriegseinsatz relevant die vorher eher für Computerspiele bekannt waren, weil sie sehr gut darin waren Drohnen mit einer VR-Brille zu steuern. Studenten aus Ingenieurs- und Medienberufen konnten einen Mehrwert bieten, denn es wurden nicht nur Drohnen gebastelt sondern die Filmaufnahmen auch gleich für Propaganda genutzt. So konnte es vorkommen das Reels und Streams mehr oder weniger direkt von der Front in den Social-Media-Kanälen landeten.
Die nächste große Entwicklung war durch den Erfolg der Drohnen bedingt. Unzählige Startups entwarfen neue Drohnen für den Einsatz, bestehende Firmen änderten ihr Engagement hin zur Entwicklung oder Zulieferung für den neuen Markt. So sehen wir heute eine Vielzahl an deutlich professionelleren Drohnen die, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, unterschiedlichste Schwerpunkte im Bereich Aufklärung und Angriff abbilden. Sogar Joint-Ventures mit ukrainischen Unternehmen bestehen bereits, und alle stellen ihre Produkte der ukrainischen Armee zur Erprobung zur Verfügung.
Was hat das mit dem Iran zu tun?
Der Angriff der USA und Israel auf den Iran hat die Erkenntnisse aus dem Ukraine-Krieg bestätigt. Hier bildet sich das gleiche Ungleichgewicht. Der Iran hat seine Gegenwehr und sein Bedrohungspotential auf Schifffahrtswege hauptsächlich auf Drohnen und Raketen aufgebaut. Und auch hier zeigt sich, die USA können den Iran nicht von dem Einsatz seiner Mittel abhalten indem Abschussrampen oder Produktionsstätten ausgeschaltet werden. Der Plan der USA, das dem Iran schnell die Munition ausgeht, ist ebenso gescheitert. Auch die Abwehr der vom Iran eingesetzten Mittel hat nicht so umfassend funktioniert wie erhofft.
Dem Iran ist es, wie der Ukraine, gelungen mit relativ kleinen Kampfmitteln eine anhaltende Gegenwehr aufzubauen. Relativ gilt dabei im Sinne der Verhältnismäßigkeit. Selbst wenn jede einzelne Drohne oder Rakete mehrere tausend bis zehntausend Euro oder Dollar kostet, so kosten die Raketen und Flugzeuge die von den USA zur Abwehr eingesetzt werden meist das zehn- bis hundertfache. Vor dem gleichen Problem stand Europa und die NATO als mutmaßlich russische Drohnen in europäischen Luftraum eindrangen. Sie wurden erkannt, man hat reagiert und man konnte sie abfangen. Aber die Mittel die zur Abwehr eingesetzt wurden kosteten ein Vielfaches der Mittel die für die Drohnen aufgewandt wurden.
So kam es das sich Berater der ukrainischen Armee in den Staaten rund um den Iran wiederfanden. Dort sollten sie helfen sich gegen Drohnen und Raketen zu wehren. Die Ukraine hat hier also bereits Erfahrung und Wissen aufgebaut das sie exportieren kann. Ganz zu schweigen von Technologie. Die Ukraine baut ihre Drohnen mittlerweile nicht mehr nur im Keller, sie stellen selbst auch professionelle Produkte her die in der Lage sind kostengünstig angreifende Kampfmittel abzufangen oder Gegner anzugreifen. Sie hat also relevante Fähigkeiten entwickelt. Evolution unter Druck, die Ironie eines Krieges.
Resümee
In der aktuellen Betrachtung kann man durchaus von einer verschärften Form von Krieg sprechen die wir so noch nicht kannten. Bereits in den letzten Jahren konnte man sich Gedanken machen was es mit den Soldaten macht wenn sie von Drohnen gejagt werden. Drohnen die sich in jede Richtung bewegen und in der Luft stehen können, gesteuert von feindlichen Soldaten die in Echtzeit zusehen. Keine Deckung, kein sicherer Raum, keine Chance zu entkommen. Das macht etwas mit einem Soldaten, davon können wir ausgehen.
Heute ist die Situation aber noch schlimmer. Eine bezeichnende Aussage von ukrainischen Soldaten lautet „der Himmel lebt“. Mittlerweile sind anscheinend so viele Drohnen und bodengebundene Roboter im Einsatz das man keinen Moment mehr unbeobachtet ist. Frontverläufe sind eingefroren weil sich niemand ungesehen bewegen kann. Vorstöße sind zwangsweise mit massiven Verlusten verbunden. Soldaten verbringen lange Zeiten isoliert in ihren Stellungen weil sie niemand versorgen und sie sich nicht bewegen können. Verwundete werden ebenfalls mit Roboter-Fahrzeugen befördert weil alles andere zu gefährlich wäre.
Genau darin scheint auch die Lösung zu liegen. Angriffe und Versorgung von Einheiten werden nur noch mit unbemannten Fahrzeugen durchgeführt. So kam es mittlerweile sogar zu Geländegewinn, Ausheben feindlicher Stellungen und sogar Gefangennahme von Gegnern nur durch unbemannte Fahrzeuge. Selbst Kämpfe Drohne gegen Drohne finden bereits über den Kampfgebieten der Ukraine statt.
Dabei lässt sich eine weitere interessante Entwicklung feststellen. Wo früher die Piloten der Drohnen noch nahe der Front waren, steuern sie diese heute mitunter aus tausenden Kilometer Entfernung. Piloten unterschiedlicher Systeme arbeiten dabei zusammen. Aufklärung entdeckt Feind, Beobachter klärt Gelände und führt Kampfmittel an den Gegner. Alles aus einem Container irgendwo im Land. Vielleicht sogar aus dem Wohnzimmer eines Unterstützers in einem ganz anderen Land?
Und es geht noch weiter. Mit zunehmenden KI-Fähigkeiten, sofern diese Kostengünstig einzubauen sind, werden die Systeme immer autonomer. An dieser Stelle entfaltet sich eine lange bestehende Diskussion von neuem. Dürfen Waffensysteme selbstständig entscheiden? Abseits der Diskussion stehen wir vor einem konkreten Problem. Bei jeder Kampfhandlung versuchen beide Parteien den Funk der jeweils anderen zu stören, um die Piloten an der Steuerung zu hindern. Selbstständig agierende Systeme die von keiner Steuerung abhängig sind haben einen enormen Vorteil. Und genau deswegen gehe ich davon aus das wir sie im Einsatz sehen werden, früher oder später.
Implikationen
Das stellt uns vor neue Probleme. Zum einen die Frage der autonomen Waffensysteme. Die Diskussionen hierzu sind hinlänglich bekannt und mit dem Thema KI auch derzeit viel diskutiert (siehe auch). Wobei wir hier vielleicht, mit etwas Glück, noch etwas Zeit haben. Das aktuellere Dilemma werden aber die potentiell irgendwo auf der Welt sitzenden Piloten der Waffensysteme sein. Was bedeutet das rechtlich wenn sich herausstellt das eine Drohne in der Ukraine von einem Piloten in einem anderen Land gesteuert wird? Und selbst wenn wir diesen Extremfall nicht annehmen, die Piloten der Ukraine sitzen nicht mehr an der Front. Sie können sich irgendwo im Hinterland in jedem Raum verstecken. Das ändert die Regeln des Krieges.
Es gibt bereits jetzt spezialisierte Einheiten auf beiden Seiten die versuchen die Fähigkeiten der anderen auszuschalten. Bisher versucht man die Piloten von Drohnen mit Funkortung und sonstigen technischen Mitteln zu finden. Dank der bisherigen Reichweite der Systeme sind auch die Kampf- oder Todeszonen im Frontverlauf bereits jetzt viele Kilometer tief. Sollten die Piloten sich nun zukünftig hunderte oder tausende Kilometer entfernt befinden, wie geht man dann gegen sie vor? Vermischen sich hier die Aufgaben von Militär und Geheimdient, und suchen sie die gegnerischen Piloten im Hotelzimmer im Hinterland? Oder haben wir mit dem Raketenbeschuss der Städte in der Ukraine ohnehin bereits ein umfassendes Kampfgebiet, das durch diesen Faktor weiter legitimiert wird? Beides keine rosigen Aussichten.
So oder so, die Welt schaut aufmerksam zu und lernt daraus. Wir befinden und noch nicht in einem vollständig automatisierten Krieg. Für die dauerhafte Kontrolle von erobertem Gelände braucht es immer noch Soldaten und Präsenz. Aber vielleicht erleben wir den Übergang, oder den Anfang. Die Armeen dieser Welt fangen bereits an die Lektionen zu lernen und sich neu auszurichten. Die Entwicklungen neuer Waffensysteme lassen ausnahmslos durchblicken das die Hersteller in die Ukraine geschaut haben. Kein Panzer mehr ohne Drohnen-Abwehr oder Drohnen-Begleiter, Flugzeuge mit Drohnen-Wingman, Drohnen für die Aufklärung und den Angriff in jedem Medium, Drohnen die als Träger für andere Drohnen dienen, Laser-Systeme für die kostengünstige und schnelle Abwehr großer Drohnen-Schwärme und so weiter und so fort.
Es bleibt also spannend. So schnell wie sich KI und Drohnen in den letzten zwei Jahren entwickelt haben, werden wir in den nächsten zwei Jahren vermutlich noch einiges zu sehen bekommen. Kleiner Tagtraum gefällig? Mein persönlicher Wunsch: Entweder das die Kriege enden oder, wenn sie schon nicht enden, das wir zumindest keine Soldaten mehr schicken müssen. Ich weiß, das impliziert auch so einiges. Besser wäre wir beenden einfach die Kriege, oder?
wikipedia.org: Chronologie des russischen Überfalls auf die Ukraine
telepolis.de: Drohnen, Stillstand und ferne Hoffnung auf Frieden
golem.de: 25.000 Bodenroboter für die Front
golem.de: Drohnenpiloten lenken Abfangjäger
golem.de: Militärroboter nimmt offenbar ohne Soldaten Stellung ein
youtube.com: Patt gegen Putin durch Kampfroboter und Drohnen
youtube.com: Die Drohnenkrieger der Ukraine
