Ein Thema bei dem die Technik und die Psychologie sich einig sind, einzig die öffentliche Wahrnehmung ist eine völlig andere.

Zusammen mit dem Einzug der Computer in die Haushalte während der 90er und 2000er fand ein Konzept in Medien und Werbung Erwähnung, das die Leistungsfähigkeit der neuen Geräte und deren Prozessoren zur Schau stellen sollte: Multitasking. Angeblich waren die neuen Techniken so toll das sie mehrere Dinge gleichzeitig machen konnten.
Was ist falsch daran?
Zuerst mal ist das ein großer Irrtum. Oder besser ein Missverständnis. Niemand kann jemals wirklich zwei Dinge gleichzeitig tun, auch kein Computer. Wobei wir „Dinge“ hier näher definieren müssen. Kleine Tätigkeiten wie eine Zahl in einem isolierten Speicherbereich um eins erhöhen, das kann ein Prozessor mit mehreren Kernen zum Beispiel durchaus parallel mehrfach tun. Aber echte Aufgaben, wie die Eingaben eines Benutzers zur Bearbeitung eines Dokumentes, das kann man eben nicht wirklich parallel tun. Man kann nur so tun als ob.
Genau das ist der Knackpunkt. Multitasking bedeutet nämlich nicht mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Auch wenn wir diese Aussage von diversen Menschen gerne als deren ureigenste Fähigkeit verkauft bekommen. Multitasking bedeutet das der Computer in schnellem Wechseln zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und her springt. Er bearbeitet also jeden einzelnen Task immer nur für ein paar Zeiteinheiten, speichert den aktuellen Stand dann ab, lädt einen anderen Task, bearbeitet den für ein paar Zeiteinheiten, speichert ihn wieder ab, und immer so weiter. Das ist ein ständiges Wechseln.
Klingt anstrengend? Ist es auch. Gut das ein Prozessor nie müde wird. Trotzdem ist die Leistung des Prozessors mit Multitasking schlechter. Das liegt einfach daran das Prozessor bei jedem Wechsel der Tasks immer den alten Task speichern muss und den neuen Task laden. Das kostet Zeit die er nicht mit der eigentlich Bearbeitung verbringt. So gehen entsprechende Mengen an Zeiteinheiten für die Organisation verloren. In den ersten Jahren hat man das noch spüren können: wer eine richtig komplizierte Berechnung ausführen wollte hat besser keine anderen Programme im Hintergrund laufen lassen. Alles schließen und den Rechner rechnen lassen war dann die Devise.
Was das mit dem Menschen zu tun hat? Nun, ganz ähnliche Ansätze. Auch das Gehirn kann nicht wirklich zwei Dinge gleichzeitig tun. Wir kennen die Diskussion aus dem Straßenverkehr. Nicht mit dem Fahrer reden während der Busfahrt. Nicht telefonieren während der Autofahrt. Nicht auf das Handy gucken wenn man die Straße überquert. Kurz gesagt, alles was uns zu sehr ablenkt ist schlecht, unsere Aufmerksamkeit kann eben nur auf einer Sache richtig liegen. Musik und normaler Straßenverkehr geht noch, aber Ehekrise im Auto kann schon ganz schön schief gehen.
Jeder wird das schon mal erlebt haben. Solange wir zwei Standardsituationen ausgesetzt sind kommen wir noch zurecht. Das normale Radioprogramm im morgendlichen Berufsverkehr ist kein Problem. Aber wenn dann dieser eine Song spielt, der uns in irgendeiner Weise emotional mitnimmt, dann verpassen wir plötzlich die grüne Ampel weil unsere Gedanken gerade woanders sind. Und wer hat nicht schon mal eine Situation erlebt in der man einen Mitmenschen besser alleine gelassen hat, weil der sich „jetzt erstmal konzentrieren muss“? Genau das ist der Punkt: Wichtiges bedarf keiner Ablenkung.
Warum tun wir es dann trotzdem?
Bei der Technik lässt sich das ganz einfach erklären. Früher haben Computer immer nur ein Programm gleichzeitig ausführen können. Meistens war der Rechner damit aber unterfordert. Wenn der Benutzer in der Textverarbeitung getippt hat war das für den Rechner zu langsam, er hatte Leerlauf. Andererseits wollte der Benutzer vielleicht nebenbei etwas nachschlagen und ein anderes Dokument öffnen, das ging nur wenn das erste Dokument geschlossen wird. Die Lösung lag auf der Hand, man ermöglich die Ausführung mehrerer Anwendungen gleichzeitig.
So ganz gleichzeitig laufen die dann aber eben nicht. Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit wechselt der Computer im Hintergrund immer wieder zwischen den einzelnen Anwendungen hin- und her. Das geht aber so schnell das wir es nicht bemerken. Vorteil ist, der Mensch ist langsamer als ein Computer und für uns wirkt es gefühlt so als würde alles parallel laufen. Wir können zwischen Anwendungen wechseln wie wir wollen und alles parallel öffnen. Das wir damit den Prozessor nicht perfekt auslasten ist uns egal, wir können besser Arbeiten, das ist ein guter Tausch.
Was für die Technik ein guter Kompromiss ist, immerhin soll der Computer dem Menschen hilfreich sein und nicht umgekehrt, erweist sich für den Menschen als schlecht. Mit dem Internet, Smartphones, Messengern und SocialMedia haben wir immer mehr Informations- und Kommunikationskanäle geschaffen, die wir dank Multitasking alle parallel offen halten können. Auf der menschlichen Seite wurde mit versuchten Erleichterungen sehr hoher kognitiver Ballast erzeugt. Push-Benachrichtigungen sollen dafür sorgen das ich nicht ständig nachschauen muss in den vielen Apps, sorgen aber auch dafür das viele verschiedene Kanäle um meine Aufmerksamkeit buhlen, ständig muss ich entscheiden was wichtig ist.
Damit sind wir jetzt in einer ähnlichen Situation wie der Computer. Natürlich kann ich eine Push-Benachrichtigung weg wischen oder ignorieren. Alle kann ich aber nicht einfach weg wischen, es sei denn sie sind alle unwichtig, dann habe ich kein Problem. Doch nehmen wir mal an ich bekomme sinnvolle Nachrichten. Letztendlich, egal wie kurz ich mich damit befasse, befassen muss ich mich damit. Entscheiden wie dringend oder wichtig die Nachricht ist. Damit sind wir die Computer die ihre Tasks unterbrechen um kurz etwas anderes zu machen.
Aus irgendeinem Grund hat sich das aber als schick etabliert. Es gilt als Leistungsmerkmal mehrere Dinge parallel tun zu können. Manche Menschen brüsten sich indirekt damit weil es als Symbol eines tatkräftigen Charakters scheint. Irgendwie ist man dann auch wichtig. Nur das wir eben keine Computer sind. Wir werden müde, wir werden gestresst, wir brennen aus.
Was ist die Aufgabe?
Das ist genau das Problem das wir heute vielfach erleben. Die beschleunigte weltweite Informationsverarbeitung ist grundsätzlich nicht schlecht. Information, Kommunikation und Diskussion sind weltweit und jederzeit möglich. Allein die Konzentration haben wir dabei ein bisschen aus den Augen verloren. Große Gedanken brauchen ihren Freiraum, wer den nicht hat verliert sich in Kleinigkeiten. Dabei ist unser Gehirn auch schnell mal ein bisschen süchtig. Neues ist interessanter als altes. Unser Gehirn befasst sich lieber mit kurzweiligen neuen Dingen als mit langwierigen bekannten Aufgaben. Und schon hüpft man von Push-Nachricht zu Push-Nachricht, von Kurzvideo zu Kurzvideo, statt an dem eigenen Essay zu schreiben oder schlafen zu gehen.
Wie immer, ist die Informationsverarbeitung mithilfe von technischen Mitteln nur ein Werkzeug. Egal ob PC, Laptop, Tablet oder Handy, auf der anderen Seite des Bildschirms sitzen Menschen. Und da ist jeder einzelne Mensch für sich selbst und sein Umfeld insofern verantwortlich das man sich ein gesundes Leben und Arbeiten mit den Werkzeugen überlegen muss. Nicht jede Messenger-Nachricht muss sofort beantwortet werden, genau so wenig wie jede Email. Wenn es wirklich dringend ist, komm vorbei oder ruf mich an. Und vorher frage Dich, ist es wirklich so dringend? Denn Du unterbrichst meine Konzentration, zwingst mich zum Task-Wechsel und verringerst damit meine Produktivität. Bedenke das.
Also?
Multitasking ist nicht immer schlecht. Es kommt auf die Aufgabe und die Gesamtbelastung an. Wenn ich kleine/kurze Aufgaben habe, die alle isoliert voneinander sind und deren Abarbeitung leicht unterbrochen werden kann. Wenn ich mich nicht groß eindenken muss und sie möglichst automatisiert erledigen kann. Wenn die Gefahr Fehler zu machen gering ist. Wenn ich auch keinen Zeitdruck habe sie zu erledigen, dann geht das. Wenn ich mich konzentrieren muss, große Probleme lösen, viel Denkarbeit leisten, Zeitdruck habe, dann ist Multitasking ein furchtbarer Stressfaktor.
Es kommt also auf das Arbeitsumfeld, die Aufgaben und aktuellen Bedingungen an. Am Ende des Tages schadet es nicht den Anteil an Multitasking möglichst gering zu halten. Zeitliche oder physische Räume zu schaffen die frei davon sind ist auch immer eine gute Idee. Manche Berufsfelder sollte man vielleicht auch ganz ausklammern. Für einen Software-Entwickler zum Beispiel ist Multitasking definitiv ein Produktivitätskiller. Wer schonmal ein Buch geschrieben hat kann ebenfalls ein Lied davon singen wie hilfreich unterbrechende Anrufe sind.
Also? Liebe Leute, macht Multitasking nicht zu etwas positivem. Vor allem nicht zu einem Leistungsmerkmal. Schaut euch genau an wo es wirklich hilft, und wo es nur für die Beobachter so aussieht. Denn, genau wie bei dem Computer, werden auch die Mitarbeiter nicht wirklich schneller wenn sie Multitasking betreiben. Es sieht für den Chef vielleicht so aus als würde alles gleichzeitig passieren, aber in Wirklichkeit geht alles insgesamt langsamer.
youtube.com: Windows 95 „Start Me Up“ Multitasking Commercial
wikipedia.org: Multitasking (Psychologie)
huffpost.com: Multitasking: The Brain Seeks Novelty
news.stanford.edu: Media multitaskers pay mental price
zeit.de: Alles gleichzeitig funktioniert nicht
theguardian.com: Want to learn faster? Stop multitasking and start daydreaming
