Stromgestehungskosten

Bitte was? Schwieriges Wort. Aber eigentlich ganz einfach, die Kosten die bei der Entstehung von Strom so anfallen.

Das Bedarf allerdings noch einer weiteren Ausschärfung. Sagen wir einfach: die Kosten die für den Bau und den Betreib von Anlagen anfallen die der Stromerzeugung dienen. Also der Bau und Betrieb eines Kraftwerkes zum Beispiel. Dabei liegt die Betonung auf Bau und Betrieb, nicht auf Verteilung, nicht immer auf Entsorgung und niemals auf Folgekosten, die werden explizit nicht mit eingerechnet.

Etwas mehr ins Detail

Nehmen wir das Beispiel eines klassischen Kraftwerkes mit einem fossilen Brennstoff wie Kohle. Das Kraftwerk muss gebaut werden. Wenn es gebaut wurde muss es mit Kohle versorgt, betrieben und gewartet werden. Das alles fließt mit in die Stromgestehungskosten. Die Kosten für den reinen Abbau der Kohle fließen über den Preis der Kohle indirekt mit ein. Es wird aber nicht berechnet was später an Kosten entsteht wenn der Abbau beendet wird. Die Löcher im Boden können nicht immer so bleiben, da muss nachgearbeitet und abgesichert werden. Durch die zentrale Erzeugung muss ein Verteilernetz für den Strom bereit stehen, das fließt auch nicht mit ein.

Zweites Beispiel Atomkraft. Ebenfalls der Bau, die Versorgung, Betrieb und Wartung fließen mit ein. Verteilernetz nicht. In diesem Fall auch nicht die Versicherung gegen einen Unfall, weil das niemand versichern kann. Da muss der Staat/Steuerzahler ran wenn es zu einem Unfall kommt. Ebenfalls nicht die Entsorgung des Atommülls, auch das ist Aufgabe von Staat/Steuerzahler da sonst nicht bezahlbar. Außerdem wissen wir ja noch gar nicht wie. Diese Kosten fließen also ebenfalls nicht ein.

Ein Gegenbeispiel gibt es noch bei Kraftwerken aus dem Bereich Bioenergie, also zum Beispiel Biogaskraftwerke. Hier kann zusätzlich noch die erzeugte Wärme genutzt werden, das senkt dann wieder die Stromgestehungskosten. Andererseits wird in solchen Kraftwerken teilweise auch Biomasse verwertet die sonst entsorgt werden müsste, die gesparte Entsorgung fließt wieder nicht mit ein. Vermutlich da zu Situationsabhängig.

Alles in allem versucht man also einen Wert zu finden der es vergleichbar macht zu welchen Kosten Strom erzeugt wird. Das dies entsprechend schwierig ist kann man an den gezeigten Beispielen bereits gut nachvollziehen. Einige Faktoren kann man schlicht nicht berechnen (AKW-GAU, AKW-Entsorgung) da noch völlig unbekannt. Weitere Faktoren sind stark von späteren Entwicklungen abhängig (Rückbau des Tagebau, mögliche oder nicht mögliche spätere Nutzung der Flächen). Dadurch fallen einige sehr kostenintensive Faktoren schlicht unter den Tisch bzw. werden später dem Steuerzahler überlassen.

Einen echten Vergleich kann man also eigentlich nur an den Werten vornehmen die alle gemeinsam haben, und die fließen ein. Grob über den Daumen sind das Investitions- und Betriebskosten.

Dann vergleichen wir mal

Wenn man die Stromgestehungskosten in der Grafik am Anfang des Artikels nun vergleicht stellt man etwas fest das eigentlich auch auf der Hand liegt. Die Energiegewinnung durch Photovoltaik und Windkraft ist am günstigsten. Klingt einseitig? Macht aber Sinn.

Der Bau von Photovoltaik (PV) oder Windkraft (WK) ist, egal wie kompliziert, auf jeden Fall immer einfacher als der Bau eines Kohle- oder sogar Atomkraftwerkes (KKW, AKW). Die Investition ist auch in jedem Fall immer einfacher bzw. geringer. Der Betrieb von PV und WK erfordert weniger bis gar kein Personal, weniger bis gar keine Wartung und keinerlei Versorgung mit Rohstoffen. Dagegen müssen KKW und AKW dauerhaft im Betrieb überwacht werden, regelmäßig gewartet werden und es müssen regelmäßig Rohstoffe zugeführt werden.

Also selbst eine ganz oberflächliche Betrachtung macht eigentlich eines schon sehr offensichtlich: das Kraftwerke die auf einer mehr oder weniger komplexen Maschinerie beruhen die mit Rohstoffen versorgt werden muss, zwangsläufig immer teurer sein müssen als eine Stromerzeugung bei der die Natur den Rohstoff frei Haus liefert und die Komplexität der Maschinerie sich auf die Funktionsweise eines übergroßen Fahrraddynamos beschränkt. Mal ganz platt gesagt. Abgesehen davon das die Kraftwerke die auf Verbrauch von Rohstoffen beruhen ja irgendwie auch ein sehr altes Konzept darstellen (siehe auch).

Und dabei muss man gar nicht mal beigehen und die ganz großen Karten ziehen wie Klimawandel-Folgeschäden oder Atommüll-Endlager. Natürlich müssen wir irgendwann auch alte PV- und WK-Anlagen entsorgen. Zum einen wird die Entsorgung aber einfacher als die von Atommüll, und zum anderen wird ein Recycling hier im Gegensatz zum Atommüll überhaupt erst möglich. Tatsächlich gibt es schon Unternehmen die den kommenden Markt für sich entdecken und, genau wie bei dem Recycling von Akkus aus E-Autos, ihren zukünftigen Gewinn in der Gewinnung von Rohstoffen aus alten Komponenten sehen. Die größte Rohstoffmine der Welt ist eben immer noch der Mülleimer.

Ergo?

Unter diesen Gesichtspunkten macht es Sinn das die Vorstände der großen Energieversorger nicht begeistert waren von den Wahlversprechen diverser Parteien. Die Politik wollte gerne die Reaktivierung der Atomkraftwerke prüfen. Die Energieversorger wollten das aber gar nicht. Zu teuer, zu aufwändig, zu risikobehaftet. Erneuerbare sind viel einfacher, günstiger, weniger Risiko. Die Erzeuger und Versorger von Energie mögen die erneuerbaren, weil die viel besser kalkulierbar sind. Trotz der Unvorhersehbarkeit des Wetters? Schwankungen in Wind und Sonne? Besser kalkulierbar?

Ja, auch das macht Sinn. Ein Kraftwerk zu bauen ist eine enorme Investition. Es zu betreiben ein großer Kostenfaktor. Der Strommarkt ist aber ein heiß umkämpfter mit wenig Spielraum für Preisgestaltung. Was ist also das größere Risiko? Einen großen Kostenblock zu bauen und zu betreiben ohne zu wissen wie sich der Markt entwickelt? Oder lieber viele kleine Blöcke die kaum Wartung erfordern und sich jederzeit an- und abschalten lassen? Genau, hier wird ein Schuh draus. Kraftwerke kann ich nicht einfach mal runter fahren, erstens geht das nicht so schnell und zweitens kosten die selbst im Leerlauf noch Geld. Eine Photovoltaik-Freiflächenanlage hat mich nur beim Bau Geld gekostet. Ich kann sie von jetzt auf gleich vom Netz nehmen und habe maximal den entgangenen Gewinn, aber keine laufenden Betriebskosten als Verlust.

Also ja, wenn ich Erzeuger wäre, ich würde auch lieber viele kleine Einheiten bauen die mich kaum Unterhalt kosten. Im Jahresschnitt werden sich die Erträge schon ausgleichen, irgendwo bildet sich immer ein Mittelwert. Und ich muss nur noch mit diesem einen Mittelwert kalkulieren. Durchschnittliches Wetter gegen Entwicklung des Strompreise.

Keine Rohstoffkosten, kaum Betriebskosten, keine Folgekostendiskussion. Vor allem auch keine Abhängigkeit von Rohstoffversorgung und politischen Entscheidungen in anderen Ländern. Keine Straße von Hormus, keine Sanktionen gegen Russland, kein LNG-Zwang von Trump, kein … . Sagen wir einfach, alles in allem, viel weniger Probleme.

Und wie gleichen wir das aus?

Bleibt die Frage wie wir die Schwankungen im Jahresverlauf ausgleichen. Wir haben nun bereits mehrfach den Fall gehabt das zu bestimmten Jahreszeiten (viel Wind, mittelwarm, viel Sonne, Feiertage) der Stromüberschuss so groß war das wir einen negativen Strompreis hatten. Ja, richtig, man wurde zu bestimmten Zeiten dafür bezahlt wenn man Strom abgenommen hat, weil wir so viel Überschuss hatten. Kein Scherz.

Da drängt sich doch was auf. Wenn ich einen großen Akku hätte, sagen wir so in der Größe eines Überseecontainers, oder mehrere. Dann könnte ich mich zu bestimmten Zeiten dafür bezahlen lassen Strom abzunehmen, und zu anderen Zeiten dafür bezahlen lassen ihn wieder einzuspeisen. Und ganz nebenbei würde ich dadurch, wenn ich genug davon baue, die schwankende Stromerzeugung der erneuerbaren Energien ausgleichen. Und selbst wenn der Preis nicht negativ wird, ich kann immer dann speichern wenn er günstig ist und einspeisen wenn er teurer wird. Ich würde mich dafür bezahlen lassen die Schwankungen auszugleichen. Toller Job eigentlich, oder?

Und nein, die Idee ist nicht neu, diese Container gibt es bereits. Das Gute ist, nach der (vermutlich doch nicht so schlimmen) Deindustrialisierung könnten hier und da ungenutzte Werkshallen und Grundstücke auffindbar sein. Da könnte man den ein oder anderen Container hinstellen und damit einem potentiell ertragreichen Zweck dienen.

Oder eine der anderen Speichertechniken nutzen. Aber das ist wieder ein anderes Thema … .

wikipedia.org: Stromgestehungskosten

statista.com: Was kostet die Stromerzeugung?

enbw.com: Was sind eigentlich Stromgestehungs­kosten?

quarks.de: Welche Art von Strom ist am günstigsten?

golem.de: Negative Strompreise am 1. Mai auf Rekordjagd

golem.de: Ölförderung stark rückläufig, Solar überholt alle

heise.de: Gasversorgung – Zwischen echten Problemen und Panikmache

youtube.com: Kernenergie als Rettung für das Klima?

youtube.com: Erneuerbare Energie speichern