Oder was eine Romanfigur mit WALL-E und PISA gemeinsam hat.

Tatsächlich eine ganze Menge. Bei Oblomow geht es, ohne jetzt zu tief einzusteigen, um einen Adligen. Der ist finanziell und materiell gut abgesichert und hat somit keine Dringlichkeit in seinem Leben, er ist versorgt. Diese Sicherheit führt allerdings dazu das er in eine Lethargie verfällt. Da es für ihn scheinbar nichts wichtiges zu tun gibt ist er überflüssig, er hat keine Motivation. Wir sehen schon worauf das hinaus läuft? Nicht ganz. Eigentlich hätte Oblomow schon einiges zu tun, er kann sich nur nicht aufraffen.
Die Parallele ziehe ich hier zu WALL-E. Ein hübscher Trickfilm bei dem ein letzter verbliebener Roboter die verlassene Erde aufräumt, die leider völlig zugemüllt wurde. Die Menschheit hat die Flucht ergriffen, befindet sich auf einem Raumschiff auf dem es allen gut geht. Zu gut, denn die gesamte Arbeit wird von Robotern erledigt. Die Menschen müssen sich nicht einmal mehr bewegen, sie werden auf Liegen an die Orte transportiert an die sie wollen. Eine KI steuert die Funktionen des Schiffs, alles ist gut.
So langsam wird es ein bisschen zu offensichtlich worauf ich hinaus will? Ja, mag sein. Macht es aber nicht weniger wichtig. Bei Oblomow verwahrlost das Anwesen und Erbe irgendwann, weil er sich nicht kümmert. Bei WALL-E verheimlicht die KI das es wieder Leben auf der Erde gibt und die Menschen zurück kehren könnten, weil es ihnen ja so schon gut geht. Die Gemeinsamkeit liegt darin das wir etwas verlieren wenn wir die Dinge nicht mehr selber tun.
Selber machen hilft
Es gibt diese tolle Aussage, Sport hilft nur wenn man ihn ausführt, nicht wenn man ihn sich ansieht. Genau das ist der Punkt. Das Leben ist schön, aber nur wenn ich es erlebe. Schon mal ein Haus gebaut? Oder bauen lassen? Ein Haus zu bauen ist furchtbar anstrengend. Es ist eine Tätigkeit die für die meisten von uns völlig neu und unbekannt ist. Komplett außerhalb der Komfortzone. Aber das Ergebnis ist es wert. Ein Haus zu bauen ist eine völlig andere Sache als sich ein Haus bauen zu lassen. Wir sind menschliche Wesen, wir entwickeln eine Beziehung zu den Dingen mit denen wir uns beschäftigen.
Das trifft auf viele Dinge zu. Schon mal versucht einen Marathon zu laufen, oder nur im Fernsehen gesehen? Schon mal einen Tauchschein gemacht, oder nur begleitetes Tauchen als Tourist? Je intensiver wir uns mit Dingen beschäftigen, desto größer unser Bezug dazu. Mit unserem Kopf ist das genau so. Man sagt ja das Gehirn ist ein Muskel. Ich kenne auch das Zitat „das Gehirn ist ein Sieb, es empfiehlt sich ab und an einen größeren Gedanken zu fassen“.
Genau so wie wir im Bereich des Sports in den letzten Jahrzehnten festgestellt haben das die Menschen passiver werden, stellen wir ähnliches auch kognitiv fest. Gerade mit KI ist ein massiver Sprung aufgefallen der aber nicht neu ist, nur offensichtlicher wurde. Bereits vor der KI neigten die Menschen immer mehr dazu einfach zu glauben was sie sahen. Social-Media, Reels, einfache Antworten auf komplexe Probleme die von manchen Politikern angeboten werden, das nehmen die Menschen gerne. Es ist einfacher. Fühlt sich sicherer an. Warum dann noch selber recherchieren?
Das Problem
Das Problem ist das es so nicht funktioniert. Einfache Frage: Wenn Du mir einen Text schickst den Du von der KI hast erstellen lassen, wofür brauche ich Dich dann? Genau, eben nicht. Ich hätte die KI auch selber fragen können. Du machst Dich überflüssig. Dabei musst Du das nicht sein. Die KI kann viele Dinge nicht weil sie eben keine richtige KI ist (siehe auch). Sie kann eben keine Zusammenhänge wirklich verstehen, sie rechnet nur mit Wahrscheinlichkeiten. Sie kann eben nicht erkennen was die richtige Lösung ist, auch hier nur Wahrscheinlichkeiten. Logische Konsequenz, ich bekomme immer die Antwort mit der größten Wahrscheinlichkeit. Was unterscheidet mich dann noch von den anderen?
Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Ich tue eben das was die KI nicht kann. Ich benutze eben meinen eigenen Kopf, meinen Hirnmuskel den ich mit viel Recherche und Lektüre trainiert habe. Der durch meine menschlichen Eigenschaften zur Empathie fähig ist und Probleme anderer Menschen viel besser nachvollziehen kann. Ganz besonders dann wenn es nicht um die wahrscheinlichste Lösung geht. Ganz besonders dann wenn es darum geht sich zu unterscheiden, zum Beispiel von Wettbewerben. Also ganz besonders dann wenn es darum geht nicht die offensichtliche Lösung zu finden, weil das in diesem Fall vielleicht nicht die beste ist.
Damit schlagen wir auch den Bogen zu PISA. Mal wieder eine neue Studie, mal wieder schlechtere Ergebnisse. Warum? Weil die Menschen keine Motivation mehr haben eigene Recherche zu betreiben. Zu viele Angebote an schnellen und kurzen Info-Häppchen deren Relevanz und Hintergrund nicht mehr geprüft werden. Es ist halt einfacher. Aber damit nimmt auch die Fähigkeit ab unseren Denkapparat für andere Aufgaben zu nutzen. Wir machen uns damit, überspitzt gesagt, selbst zu Teilen des Getriebes.
Die Lösung?
Liegt auf der Hand. Wie bei allen Tools und Werkzeugen die wir je erfunden haben, kommt es darauf an wie wir sie benutzen. E-Scooter sind toll, aber wenn sie uns davon abhalten selber zu laufen schaden sie uns. Autos sind super für den Einkauf, aber wenn wir die 1500 Meter ins Restaurant auch mit dem Auto zurück legen verpassen wir den Spaziergang. Sport hilft dem Körper wenn man ihn ausübt, im Fernsehen ist es ein theoretisches Hobby. Reels sind ein Zeitvertreib für kurzweiligen Spaß, aber keine ernsthafte Informationsquelle.
KI kann uns von stumpfsinnigen Aufgaben befreien damit wir mehr Zeit zum denken haben. Wenn sie uns jedoch das Denken abnimmt, dann haben wir ein Problem. Dann sind wir im Grunde die Roboter die glauben was die KI uns an Informationen zukommen lässt, und schlimmstenfalls danach handeln. Gleiches gilt für Technologie die noch auf uns zukommen wird. Neurotechnologie und Prothesen haben einen enormen Schub durch KI bekommen, und auch hier werden wir uns überlegen müssen wie wir sie nutzen. Ein neues Werkzeug, eine neue Frage der sinnvollen Nutzung.
Übrigens bin ich als Informatiker auch der Meinung das selbst geschriebener Code viel schöner und liebevoller ist als Vibe-Code. Ich würde mir auch keine KI-generierten Filme oder Bücher anschauen. Warum nicht? Weil ich den Stil der Menschen sehen und lesen möchte die sich die Geschichten ausdenken. Ich halte auch nichts von Botti dem News-Bot des Heise-Verlags. Sorry Heise, ich mag euch sonst, aber wenn ich KI-News lesen will dann frage ich die KI nach News. Gleiches gilt für Fachartikel. Lasst ruhig Tippfehler und viele „ach ja“ und „guck mal hier“ in den Texten stehen, mir egal, ich mag einen persönlichen Stil lieber als wenn mir Maschinen-Output hingeworfen wird. Denn genau dafür brauche ich Euch nicht. Ich brauche Euch für das was Ihr als Menschen könnt und was Euch als Menschen ausmacht.
Und genau hier kommt auch eine strategische und Philosophische Perspektive ins Spiel. Wie bei jeder neuen Technologie fallen alte Tätigkeiten weg. Meist fallen die einfachen, generischen Tätigkeiten weg. Vereinfacht gesagt die Tätigkeiten die jeder machen konnte. Was bleibt sind die Dinge die sich unterscheiden. Die handgemachten Lösungen, die individuellen Lösungen, die Dinge die Mehrwert bringen, und nicht von der Stange sind. Auch heute noch kann der Tischler sein Geld verdienen, mit dem passenden Regal für die Ecke in die kein Regal von Ikea passt. Nur um mal ein Beispiel zu nennen.
Tut was Euch ausmacht, beschäftigt Euch mit Themen, kennt Euch aus statt nur dem zu glauben was hingeworfen wird. Schafft Euch nicht selbst ab, werdet nicht Oblomow, bleibt lieber WALL-E. Der Unterschied kommt von allein.
wikipedia.org: PISA-Studie 2025
heise.de: PISA 2025: Wer nicht (intensiv) lesen kann, kann auch nichts lernen
