Oder warum ich eine neue Weltordnung mit gemischten Gefühlen sehe.

Das liegt weniger an der neuen Weltordnung an sich, sondern vielmehr an der Frage wo welche Wertvorstellungen liegen werden. Aber der Reihe nach.
Warum überhaupt eine neue Weltordnung? Nun, wir hatten vor den beiden großen Kriegen (erster und zweiter Weltkrieg) eine ziemlich bunte Mischung aus Mächten. Nach dem zweiten Weltkrieg blieb ein Duopol übrig, West und Ost bzw. die USA gegen Russland (mit ihren jeweiligen Bündnispaketen). Nach Ende des kalten Krieges dann ein Monopol mit den USA die ja auch gelegentlich als Weltpolizei bezeichnet wurde.
Was hat sich nun geändert? Die Machtverhältnisse. Die USA haben sich in diversen Konflikten verzettelt und Ressourcen verbraucht, während sie nicht unbedingt erfolgreich heraus kamen. Gleichzeitig haben andere Mächte enorm aufgeholt. Sowohl wirtschaftlich als auch in Bezug auf ihren Einfluss.
China hat wirtschaftlich und technologisch enorm aufgeholt. Indien hat China als bevölkerungsreichstes Land abgelöst und ist dabei wirtschaftlich aufzuholen. China und Russland haben Einfluss auf den afrikanischen Kontinent gewonnen und können damit die Faktoren Bodenschätze und Migration beeinflussen. China, Indien und Russland haben mit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ, siehe auch) ein neues Bündnispaket geschmiedet und sich ihre gegenseitigen Absatzmärkte gesichert. Damit stehen große Teile der Weltbevölkerung (und der damit einhergehende Wirtschaftsfaktor Absatzmarkt) unter dem Einfluss eines Bündnisses das nicht die NATO ist.
Hinzu kommen technologische, ökologische und kulturelle Umbrüche unserer Zeit, die alle Länder vor Herausforderungen stellen. Erkennbar sind die Konflikte nicht nur an den vielen Themen und Diskussionen die in heutigen Wahlkämpfen geführt werden, sondern vor allem auch an den schnellen Themenwechseln. Gestern Umweltdemo, heute Regenbogen, morgen Demo gegen Rechts. Überall wird nach Lösungen gesucht und um die Werte der Zukunft gerungen.
Eines dieser Werte-Gebilde sehen wir dabei gerade in einem Wandel begriffen. Die NATO, die UN und die sogenannte westliche Welt haben sich nach außen immer als Vertreter der Werte von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, staatlicher Souveränität und gegenseitigem Beistand verstanden. Im internen Spiegel war das freilich nicht immer der Fall. Nicht alle Mitglieder haben den internationalen Gerichtshof anerkannt und manche Mitglieder haben selbst völkerrechtswidrige Angriffskriege geführt. Damit macht man seine eigenen Werte auch zunichte, der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Die UN wurde oft als zahnloser Tiger gesehen, die USA hatte eine zu große Vormachtstellung und viele Mitglieder mussten zusehen.
Trotz aller Schwächen hatten diese Konstrukte aber ein ehrenwertes Ziel und im Kern der Sache einen guten Gedanken. Und genau das bedaure ich. Es war in der Werbung ein Experiment für ein friedliches Miteinander, und das ist sicher immer den Versuch wert. Aus genau diesem Grund habe ich Verstöße gegen diese Werte auch immer sehr bedauert. Ob es Kriege waren, Einmischungen in souveräne Staaten oder simple Affären wie Prism und Edward Snowden. Im Umfeld dieser Geschichten konnte man immer sehr gut Erkennen das es mit den angeführten Werten im Falle eigener Interessen nicht mehr weit her ist, und das hat mich immer geärgert. Man kann nicht anderen Nationen Vorhaltungen machen wenn man sich selbst nicht an die eigenen Regeln hält. Vor allem aber kann man nicht anderen Nationen die eigenen Werte aufzwingen.
Was bedeutet das? Macht es dann nicht Sinn das diese Gebilde durchgerüttelt werden? Nun, ob es Sinn macht und ob daraus etwas besseres entsteht wird sich immer erst zeigen. Man gibt ja einen stabilen Zustand nicht freiwillig auf. Jetzt ist der Zustand aber zerbrochen worden und wir haben keine Wahl mehr. Letztendlich wird sich der Lauf der Dinge immer seine Bahn brechen. Egal wie schön die Werbung war.
Neu oder überraschend ist die Entwicklung nicht. China hat seine wirtschaftlichen Pläne nie verheimlicht. Die anwachsenden Wirtschaftsmächte in der SOZ zeichnen sich schon länger ab. Das die USA nicht mehr alle Situationen durchsetzen können ist seit längerem bekannt. So richtig vorbereitet ist aber niemand.
Eine Fünfer-Konstellation als neue stabile Basis kann ich mir tatsächlich gut vorstellen. Die EU ist immerhin die zweitmächtigste Instanz der Welt, sie wird sich nur mehr zusammenraufen müssen. Die USA werden sich dann wie gewünscht nicht mehr um Europa kümmern müssen, und mehr auf den Pazifik konzentrieren. Aus alter Verbundenheit wird man diese beiden vielleicht auf der einen Seite sehen. Russland, China und Indien mit der SOZ auf der anderen Seite. Damit hätte man fünf Parteien die weniger fest verbunden sind als vorher und könnte damit ein durch Unsicherheit gefördertes Gleichgewicht entwickeln.
Bei einem Duopol ist die Lage immer von zwei Kontrahenten abhängig, was pauschal instabil ist. Sollte einer von beiden aus der Reihe tanzen gibt es keinen ausgleichenden Faktor. Bei einer Dreier-Konstellation besteht immer die Gefahr das sich zwei verbünden. Bei vier Parteien hat man wieder die Gefahr einer Patt-Situation bei Unstimmigkeiten.
Bei fünf Parteien ist die Macht auf ausreichend viele Köpfe verteilt das keiner zu große Vormacht hat. Es können sich hinreichend komplexe Beziehungen bilden um bei Konflikten zwischen zwei Parteien die anderen Parteien mit ausreichenden Interessenkonflikten zu versehen das es keine übermächtigen Bündnisse in der Gruppe gibt. Letztendlich hat auch keiner der Beteiligten ein Interesse daran das ein anderes Mitglieder der Gruppe zu stark wird. Somit gibt es immer Parteien die an einer Vermittler-Rolle interessiert sind. Wird eine Partei oder ein Bündnis zu stark, wird automatisch ein Gegenbündnis entstehen. Und das wissen alle.
Sollten wir in dieser Konstellation zukünftig eine neue Stabilität erlangen stellt sich natürlich die Frage welche Partei welche Werte vertritt. Ob es einen gemeinsamen Rat wie die UN mit diesen fünf Parteien als ständige Vertreter geben wird? Vermutlich. Wechselseitige Wirtschaftsbeziehungen, gemeinsame Treffen in der UN, ansonsten alle fünf Parteien mit ihren eigenen Werten für sich. Aber das ist noch Glaskugel. Wir werden es sehen.